Tragweiten

INTERAKTIVES FOTOPROJEKT

 

gefördert von der Hessischen Kulturstiftung mit dem Brückenstipendium 2021 stellt das Projekt Tragweiten Begegnungen mit mehr als 100 Menschen dar. Sie wurden gebeten einen Stein in die Hand zu nehmen und die Frage nach der persönlichen Tragweite von Corona für sie zu beantworten.

Die transkibierten Statements bilden ein berührendes Gewebe von Erlebtem, Ängsten und Hoffnungen. In den Portraits und Aussagen mischen sich individuelle Beobachtungen mit gemeinschaftlich empfundenen ganz ähnlichen Gedanken, Einschätzungen und Befürchtungen.

Der Stein bleibt eine dritte Kraft, die ganz andere Emotionen zulässt.

 

 

„Der Stein fühlt sich gut an. Corona fühlt sich natürlich nicht gut an. Da ist eine Diskrepanz. Langfristig macht es Angst. Hat aber auch Aspekte, die nicht schlecht sind. Ein Anlass über Dinge anders nachzudenken. Es sind mir Sachen passiert, die mich geerdet haben.“

 

„Der Stein könnte Virenlast beinhalten oder auch versteckte Heilkraft. In der Erde lauern die Probleme, aber auch die Lösungen. Eingesperrt zu sein und verunsichert zu sein, verhindert den Kontakt zu allem. Auch zu den Lösungen.“

 

„Corona ist meiner Meinung nach dazu da, mit unseren eigenen Traumata in Verbindung zu kommen. Der Stein hat für mich viele Liebe und Sanftheit, was man beschützen kann.“

 

„Der ist aber kalt. Corona? Wenige Kontakte. Leben umorganisieren. Im Nachhinein auch Vorteile, weil fitter im Digitalisieren. Sehe mit Sorge die weiterführende Spaltung der Gesellschaft. Vielleicht, weil man so auf Abstand geht, kommt die Kälte vom Stein in die Gesellschaft.“

 

„Der Stein des Anstoßes. Man könnte ihn gut wegwerfen, er liegt gut in der Hand. Aber das kann man mit Corona nicht machen. Man wünschte, man könnte ihn weit weg tragen, dorthin, wo er herkam. Wenn man das wüsste! Ich würde gern herausfinden, wo er herkam und ihn dort hintragen.“

 

„Ich war eher nicht betroffen. War vorher schon im Lockdown. Es wurde viel gepusht, aber auch ziemlich gut gemanagt. Ich hab etwas Zeitloses für mich entdeckt. Als Verschwörungstechnisch sehe ich das da draußen eher gar nicht, man will sich empören. Obwohl wissenschaftliche Methoden zum Hinterfragen da sind, empfinden das einige als diktatorisch. Der Stein? Die deutsche Kartoffel empört sich.“

 

„Ich habe ein bisschen Sorge, dass es so monothematisch wird und man sich nur noch mit Gesundheitsvorsorge beschäftigt. Einerseits gut, dass es ein Frühwarnsystem gibt, aber das ist so, als würde man die ganze Zeit auf einen Seismographen starren und gar nicht wissen, ob ein Erdbeben kommt. Ich denke, dass Sozialphobie zunimmt, insgesamt eine große gesellschaftliche Erosion.“

 

„Schwer. Lang. Genug. Es reicht. Es ist so schwierig. Weil die Leute so unterschiedlich damit umgehen. Dabei denke ich, jeder soll für sich entscheiden. Ich finde das sehr anstrengend. Manche lassen sich nicht impfen. Das ist für mich kein Problem. Aber sie sind für sich so tragisch drauf. Mein Vater ist an Corona gestorben. Der Stein sieht nicht nach Corona aus, erdgeschichtlich sieht er älter aus.“

 

„Corona gibt mir eine Auszeit und Ruhe, mich in mich zu kehren. Es gibt mir Raum. Darüber hinaus eine tragische Entwicklung und ich hoffe, dass wir es bald überwunden haben. Der Stein hat ne Verletzung. Corona zeigt deutlich, was bei uns nicht rund läuft. In der Gesellschaft und auch in Familien oder bei Freunden, die es entzweit.“

 

„Verlust. Kompakte Angst. Die zwei großen Bedeutungen für mich. Der Stein? Der ist viel zu schön.“

 

„Gesellschaftsveränderung. Corona hat uns gezeigt, dass das Leben wie wir es normalerweise gewohnt sind, sich abrupt ändern kann. Einkommenseinbußen. Gerichtstermine werden verschoben, keine Präsenztermine möglich, etc. Das Sicherheitsgefühl ist aufgehoben und man kann wohl nicht erwarten, dass es sich nicht noch einmal wiederholt. Es liegt wohl an der Globalisierung, also kein natürliches Problem. Es stellt sich die Frage nach der Lizenzenfreigabe. Wir brauchen einen Quantensprung in unserer Gesellschaft, damit die Ressourcen in der Welt gerechter verteilt werden.“